Bis Mitte des 19. Jahrhunderts waren die baden-württembergischen Landwirtsfamilien vorrangig auf wirtschaftliche Selbstversorgung bedacht, ein Verkauf von Lebensmitteln war in dieser Zeit nicht üblich. Erst wenn die Selbstversorgung der Familie gesichert war, konnten etwaige Überschüsse zum Tausch oder Verkauf angeboten werden.
1. Schulbild aus früheren Zeiten Foto: Deutsches Landwirtschaftsmuseum Hohenheim
Die Ausgangssituation der Betriebe war aufgrund der natürlichen und geographischen Bedingungen sowie der Erbfolge verschieden.
Insbesondere in den Realteilungsgebieten (jedes Kind erbt einen gleich großen Teil des Hofes) mit dichter Besiedlung und kleinen Flächen war es oftmals schwer, die Bevölkerung das gesamte Jahr über ausreichend zu versorgen.
1. Bauweise eines Bauernhauses im Mittelalter (Freilichtmuseum)
2. Getreideernte 1902 Foto: LMZ Nr.020760
Nahrungsmittel mussten aus Überschussgebieten zugekauft werden. Aus diesem Zwang entstanden hier gewerbliche Unternehmen, Handels- und Marktzentren, die zur Schaffung besserer Lebensgrundlagen einen erheblichen Beitrag leisteten.
Das Dorf lebte Jahrhunderte hinweg ohne wesentliche Hilfe von außen
Der Lebensraum der Dorfbewohner war die Gemarkung. Davon mussten nahezu alle leben. Die bäuerliche Landwirtschaft war gemeinsame Lebensgrundlage, auch die Arbeiter oder Handwerker waren Nebenerwerbslandwirte.

1. Alt Mühle im Freilandmuseum Bad Windsheim d
2. Altes Bauernhaus Foto LMZ. NR. 003202
Nach dem 2. Weltkrieg setzten rasante Veränderung in der Landwirtschaft ein:
zunehmende Arbeitskräfteabwanderung
wachsende Notwendigkeit zur Technisierung wegen knapper Produktionsmittel
Erfordernis zum ökonomischen Einsatz vorhandener Produktionsfaktoren
vermehrte Marktverflechtungen
steigende Anforderungen an die fachliche Qualifikation der Landwirte
Die Zahl der Haupt- und Nebenerwerbslandwirte verringerte sich in Baden-Württemberg dadurch enorm.
Die Nutzflächen eines Dorfes werden heute nur noch von wenigen Landwirten, teilweise auch von "Auswärtigen" bewirtschaftet. Die Flur hat im Lebensraum des Dorfes ihre Bedeutung verändert. Damit einher geht ein Verlust an elementarer Naturverbundenheit. Fehlender Umgang mit Pflanzen und Tieren verringert das Verständnis für Natur und Umwelt und die Erfordernisse der Landwirtschaft. Stattdessen hat sie einen bedeutenden Stellenwert als Freizeit- und Erholungsraum gewonnen.

1. Pflügen wie in den 50er Jahren des 19. Jahrhunderts
2. Pflügen 1959. Foto: LMZ Nr. 007620
Mit der Landwirtschaft hat sich auch ganz wesentlich das Dorf verändert. Die hauptberuflichen Landwirte wurden zu einer Minderheit. Bis in die heutige Zeit hinein werden Höfe aufgegeben, weil sie sich nicht entwickeln können oder weil sich kein Hofnachfolger findet. Die Suche nach einem neuen Arbeitsplatz hat die Jugend zunehmend in die Städte gezogen, wo Industrie, Handwerk und Handel wirtschaftlich aufblühten. Die Stadt war attraktiv, weil sie Fortschritt, Wohlstand und Freiheit von gesellschaftlichen Zwängen eher zu garantieren schien als das Land.
Die Attraktivität der Großstädte wurde zur Konkurrenz der Dörfer
In der Folge wurde versucht, Ortskerne mit städtischen Architekturen und Infrastrukturen zu modernisieren: Ortsdurchfahrten wurden ausgebaut, alte Gebäude abgerissen oder bis zur Unkenntlichkeit ihrer historischen Substanz beraubt. Viele Dörfer verloren dabei ihr Gesicht.

1. Pflügen mit altem Schlepper
2. Bauer beim Grasmähen mit Pferdegespann 1959 Foto: LMZ Nr. 006638
In den 80iger Jahren ebbte die Faszination der städtischen Lebensweise ab. Gründe dafür gab es viele, z. B. teurer werdender Wohnraum und Vereinsamung der Menschen, aber auch die Furcht vor den vielfach beklagten Umweltbelastungen der Städte. Immer mehr Bewohner der Städte ziehen nun ein Leben in den Außenbereichen der Städte oder umliegenden Dörfern vor. Dadurch enstehen "Schlafdörfer", d.h. viele Bürger haben sich in den günstigen ländlichen Gebieten ein Haus gebaut oder eine Wohnung bezogen und pendeln zur Arbeit in die Ballungszentren. Diese Neubewohner stellen hohe Erwartungen an das Dorf, so dass der i Strukturwandel im Dorf weit über die baulichen Veränderungen und deren Folgen hinaus geht.
1. Pflügen 2005
2. Ochsenpflug Foto: LMZ Nr.006639
Die Neubürger engagieren sich in Vereinen, in der Kommunalpolitik und bringen neue Vorstellungen in das Gemeindeleben. Hierbei ist Verständnis für die Belange aller Interessengruppen, auch der Landwirtschaft, gefordert. Neue Wege zu einem gemeinsamen Verständnis der Dorfgemeinschaft und der Landwirtschaft müssen gefunden werden.